§104

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

Wechseln zu: Navigation, Suche
← zurück §103 weiter §105 →

Adjektivische vs. adverbiale Attribute und „Virtuelle Relativsätze“

(1) In verschieden Paragraphen oben wurden Formen und Konstruktionen besprochen, die syntaktisch adjektivische Attribute bilden können, d.h. die im paradigmatischem Austausch (vgl. §68, §49 (3)) mit einfachen Adjektiven stehen:

Adjektiv nṯr.t nfr.t ‘die vollkommene Göttin’
Nisbe, denominal nṯr.t nʾt.(ï)t ‘die städtische/lokale Göttin’
Nisbe, depräpositional nṯr.t jm.(ï)t ḥw.t-nṯr ‘die Göttin, die im Tempel ist/war’
Partizip, Neutrales Aktives nṯr.t jr(j).t ‘die Göttin, die handelt/handelte’
Partizip, Distributives Akt. nṯr.t jrr.(ï)t ‘die Göttin, die handelt/handelte’
„Partizip“, Posteriores nṯr.t jr(j).t(ï).s{ï} ‘die Göttin, die handeln wird’
Partizip, Neutrales Passives ḥ(n)q.t jr(y).t ‘das Bier, das gemacht wird/wurde’
Partizip, Distributives Pass. ḥ(n)q.t jrr.t ‘das Bier, das gemacht wird/wurde’
Relativform, Neutrale ḥ(n)q.t jr(y).t⸗f ‘das Bier, das er macht/gemacht hat’
Relativform, Imperfektive ḥ(n)q.t jrr.t⸗f ‘das Bier, das er macht’
Relativform, Anteriore ḥ(n)q.t jr(j).t.n⸗f ‘das Bier, das er gemacht hat’
Verschiedene Relativsätze mit nt.ï/jwt.ï nṯr.t nt.(ï)t ḥr jr(j).t ‘die Göttin, die handelt’ (Periphrast. Ipfv.)
ḥ(n)q.t nt.(ï)t jr(j).t(j) ‘das Bier, das gemacht ist’ (Resultativ)
nṯr.t nt.(ï)t m ḥw.t-nṯr ‘die Göttin, die im Tempel ist’ (Adv.-satz)

Im Ägyptischen gibt es nun die Tendenz, unbestimmte Bezugsnomen nicht durch ein solches adjektivisches Attribut, sondern durch ein adverbiales Attribut zu erweitern. So wird z.B., im Gegensatz zu der bestimmten Phrase ‘die Göttin, welche in der Höhle wohnt’, die unbestimmte Entsprechung ‘eine Göttin, welche in einer Höhle wohnt’ gern mit einem adverbialen Nebensatz formuliert, wörtlich etwa ‘(eine) Göttin, wobei sie in einer Höhle wohnt’. Da dem Deutschen solche adverbialen Attribute aber fremd sind, muss man auch die adverbialen Nebensätze in solchen Fällen im Deutschen wie „richtige“ Relativsätze übersetzen. Vergleiche die bestimmten Phrasen mit adjektivischen Verbalformen:

nṯr.t ḥms(j).t m qrr.t die Göttin, welche in der Höhle wohnt’ (Partizip),
nṯr.t nt.(ï)t m qrr.t die Göttin, welche in der Höhle ist’ (Relativsatz mit nt.ï)

mit den folgenden unbestimmten Phrasen mit adverbialen Nebensätzen:

nṯr.t ḥms(j).tj m qrr.t (‘eine Göttin, wobei sie in einer Höhle wohnt’) (Resultativ-Nebensatz)
eine Göttin, welche in einer Höhle wohnt’ (Übertragung als Relativsatz),
nṯr.t ḥms(j)⸗s m qrr.t (‘eine Göttin, wobei sie in einer Höhle wohnt’) (Imperfektiv-Nebensatz)
eine Göttin, welche in einer Höhle wohnt’ (Übertragung als Relativsatz).

In solchen Fällen sprechen wir von „Virtuellen Relativsätzen“, da sie syntaktisch zwar adverbiale Nebensätze sind, in der (deutschen/englischen) Übersetzung aber Relativsätzen entsprechen. Die Beobachtung, ob ein Attribut im Ägyptischen adjektivisch oder adverbial ist, erlaubt sie uns also indirekt etwas über die Bestimmtheit des Bezugsnomens zu erfahren, d.h. ob ‘die Göttin’ oder ‘eine Göttin’ zu übersetzen ist (vgl. §25). Dabei weist ein adverbiales Attribut generell auf die Unbestimmtheit des Bezugsnomens hin (‘eine Göttin’) – wohl aber mit Ausnahme einfacher Präpositionalphrasen wie nṯr.t m p.t ‘eine/die Göttin im Himmel’. Ein adjektivisches Attribut kann dagegen offenbar nicht nur bestimmt, sondern ebenfalls unbestimmt übersetzt werden (‘die/eine Göttin’), wobei letzteres seltener ist. (Die Tendenzen sind erkennbar, bezüglich der Details besteht aber nachweislich unterschiedlicher Darstellungen des Sachverhalts in verschiedenen Grammatiken noch Forschungsbedarf.)

(2) Typische adverbielle Formen, die als Virtueller Relativsatz bei unbestimmten Bezugsnomina fungieren sind der Resultativ und die prädikativen Verbalformen (Imperfektiv, Anterior, …), jeweils in ihrer Verwendung als adverbieller Nebensatz (d.h. direkt am Nebensatzanfang ohne Partikel o.ä.), aber auch als Nebensatz fungierende Adverbialsätze und Nominalsätze.

Adjektivische
Formen
Bestimmt
oder unbestimmt
Unbestimmt Adverbiale
Nebensätze
‘die/eine Göttin, die …’
‘das/ø Bier, das …’
eine Göttin, die …’
ø Bier, das …’
Adjektiv nṯr.t nfr.t nṯr.t nfr.t(j) Resultativ
Partizip, Neutr. Akt.
Partizip, Distr. Akt.
nṯr.t jr(j).t
nṯr.t jrr.(ï)t
nṯr.t jr(j)⸗s
nṯr.t jr(j)⸗s
Imperfektiv, o.ä.
Imperfektiv
„Partizip“, Posteriores nṯr.t jr(j).t(ï).s{ï} nṯr.t jr(j).w⸗s Posterior
Partizip, Neutr. Pass.
Partizip, Distr. Pass.
ḥ(n)q.t jr(y).t
ḥ(n)q.t jrr.t
ḥ(n)q.t jr(j).t(w)⸗s
ḥ(n)q.t jr(j).t(w)⸗s
Imperfektiv, o.ä. + t(w),
Imperfektiv + t(w)
Relativform, Neutr.
Relativform, Ipfv.
Relativform, Ant.
ḥ(n)q.t jr(y).t⸗f
ḥ(n)q.t jrr.t⸗f
ḥ(n)q.t jr(j).t.n⸗f
ḥ(n)q.t jr(j)⸗f sï
ḥ(n)q.t jr(j)⸗f sï
ḥ(n)q.t jr(j).n⸗f sï
Imperfektiv, o.ä.
Imperfektiv
Anterior
Verschiedene Relativ-
sätze mit nt.ï/jwt.ï
nṯr.t nt.(ï)t m ḥw.t-nṯr
nṯr.t nt.(ï)t ḥr jr(j).t
ḥ(n)q.t nt.(ï)t jr(j).t(j)
nṯr.t jw⸗s m ḥw.t-nṯr
nṯr.t jw⸗s ḥr jr(j).t
ḥ(n)q.t jw⸗s jr(j).t(j)
Adverbialsätze
Periphrast. Verbalsätze
Resultativ
Beispiel:
𓇋𓅱 𓃹𓈖 𓈖𓆓𓋴𓅪𓀀
jw wn nḏs
ptkl sein:ptzp.m.sg klein:m.sg
(‘Präsent seiend ist/war ein Kleiner’; Existenzsatz, vgl. §52)

‘Es gibt einen (unbestimmt) Bürger,’
𓊽𓊽𓇋𓏛𓀀 𓂋𓈖𓀁𓆑
Ḏdj rn⸗f
Djedi:m.sg Name:m.sg=3sg.m
(‘wobei sein Name Djedi ist/war’; Nominalsatz als adverbialer Nebensatz)
dessen Name Djedi ist,’ (Übertragung als Relativsatz)
𓈞𓊃𓀉𓆑 𓅓 𓊽𓊽𓏛𓍹𓋴𓄤𓆑𓂋𓏲𓍺 (Allen 2010: 288)
ḥms(j)⸗f m Ḏd-S.nfr-w(j)
sich_setzen:ipfv=3sg.m in Djed:m.sg-Snofru:m.sg
(‘wobei er in Djed-Snofru sitzt’; Imperfektiv an Satz-Erststelle, d.h. als adverbialer Nebensatz)
welcher in Djed-Snofru wohnt.’ (Übertragung als Relativsatz).
‘Es gibt einen Bürger, dessen Name Djedi ist und der in Djed-Snofru wohnt.’

Literaturhinweise

vgl. Schenkel (⁵2012: Kap. 5.2.2,e); Allen (²2010: ch. 12.11, 23.19, 12.10).

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


Übungseinheit

Nach diesem Paragraphen können Sie Übung 24: Relativformen und passive Partizipien machen.



Zitieren Sie diese Version dieser Seite:

Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§104", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A7104%26oldid=871 (Zugriff: 18.9.2019).

Kommentieren Sie diese Seite hier.

← zurück §103 weiter §105 →