§100

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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Der Relativsatz mit Relativpronomen

(1) Begriffsklärung

Relativsätze werden im Deutschen mit einem der Relativpronomina welcher/welche/welches (oder der/die/das) gebildet. Relativsätze fungieren insofern wie ein Adjektiv oder Partizip, als dass sie attributiv oder substantiviert gebraucht werden können. Die Verhältnisse im Ägyptischen sind weitgehend analog. (Sie können hingegen nicht als Prädikat eines Adjektivalsatzes fungieren.)

Attributiv Substantiviert
Adjektiv der große Gott
nṯr ꜥꜣ
der Große
ꜥꜣ
Partizip
(mit eigenem Objekt)
der Leben gebende Gott
nṯr rḏ(j) ꜥnḫ
der Leben Gebende
rḏ(j) ꜥnḫ
Relativsatz
(mit Relativpronomen)
der Gott, welcher im Tempel ist
nṯr nt.ï ø m ḥw.t-nṯr
der, welcher im Tempel ist
nt.ï ø m ḥw.t-nṯr


(2) Form des Relativpronomens

Das ägyptische Relativpronomen flektiert nach Genus und Numerus:

Singular Plural
Maskulinum 𓈖𓏏𓏮, 𓈖𓏏𓏭, (𓈖𓏏)
nt.ï
‘welcher’
𓈖𓏏𓅂, 𓈖𓏏𓅂
nt.(ï)w
‘welche’
Femininum 𓈖𓏏𓏏
nt.(ï)t
‘welche, welches’

Hinzu kommt eine spezifisch negative Variante des Relativpronomens:

Singular Plural
Maskulinum 𓂜𓏏𓏮, 𓂜𓏏𓏭, (𓂜𓏏), (𓂜𓏏𓅱)
jwt.ï
‘welcher nicht’
𓂜𓏏𓅂, 𓂜𓏏𓅂
jwt.(ï)w
‘welche nicht’
Femininum 𓂜𓏏𓏏
jwt.(ï)t
‘welche nicht, welches nicht’

Dieses Relativpronomen jwt.ï entspricht generell funktional einer Wortfolge *nt.ï nn (oder seltener *nt.ï n(j)). Es ist quasi eine Verschmelzung eines Relativpronomens nt.ï mit einer Negation nn/n(j). Man spricht bei so einer Verschmelzung von einem „Portmanteau-Morphem“.


(3) Konstruktionen und Gebrauch

Mit einem Relativpronomen können theoretisch alle Sätze des Ägyptischen in Relativsätze umgewandelt werden. Dabei „entfallen“ ggf. die sonst üblichen initialen Satzpartikeln wie jw o.ä. Pronomina direkt hinter dem Relativpronomen erscheinen im Regelfall als Suffixpronomen (z.B. nt.ï⸗k …), in der 1. Person Sg. aber abweichend als enklitisches Pronomen (nt.ï w(j) …).

Beispiele:
Adverbialsatz Resultativ-Satz Anterior-Satz
Hauptsatz jw⸗s m pr(w)⸗f jw⸗j jj(j).kw n⸗f jw sḏm.nf
‘Sie (war) in seinem Haus.’ ‘Ich (bin) zu ihm gekommen.’ ‘Er hörte (zu).’
Relativsatz nt.ï⸗s m pr(w)⸗f nt.ï w(j) jj(j).kw nf nt.ï sḏm.nf
‘in dessen Haus sie (war).’ ‘zu welchem ich gekommen (bin).’ ‘welcher (zu)hörte.’

In bestimmten Fällen, nämlich wenn sich Relativpronomen und Subjektspersonalpronomen auf dasselbe Substantiv beziehen und beide direkt hintereinander stehen würden, kann darüber hinaus das Subjektspronomen ausgelassen werden (vgl. auch die Beispiele unten).

Adverbialsatz
Hauptsatz jw⸗s m pr(w)⸗f
‘Sie (war) in seinem Haus.’
Relativsatz nt.(ï)t __ m pr(w)⸗f
‘welche in seinem Haus (war).’

Attributive Relativsätze stehen im Ägyptischen – anders als im Deutschen – an denselben Stellen, an denen auch Partizipien oder Adjektive stehen, d.h. hinter dem Bezugsnomen. Das Relativpronomen kongruiert dabei mit dem Bezugsnomen. Im Relativsatz selbst gibt es im Normalfall ein weiteres Personalpronomen, das sowohl mit dem Bezugsnomen als auch mit dem Relativpronomen kongruiert, das sog. „resumptive Element“. Dieses Element ist quasi der Angelpunkt, um den sich der Relativsatz inhaltlich dreht.

Um einen Relativsatz intuitiv richtig zu verstehen, sollte man wie folgt vorgehen:

1) Das Relativpronomen übersetzt man je nach Genus und Numerus zunächst mit ‘von dem/der/denen gilt:’, den folgenden Satz dann so wie einen Hauptsatz.
2) Man überlegt, welches Element im Relativsatz das passende resumptive Element ist. Dieses muss in Genus und Numerus mit dem Relativpronomen und ggf. dem Beziehungswort übereinstimmen.
In bestimmten Fällen scheint dem Satz ein passendes Personalpronomen zu fehlen. Der Satz scheint dann meist auch syntaktisch unvollständig. In diesen Fällen ist gedanklich in der auffälligen Leerstelle – meist direkt hinter dem Relativpronomen – ein entsprechendes Personalpronomen einzusetzen.
3) Man formuliert den Satz in einen adäquaten dtsch. Relativsatz um.


(4) Beispiele mit nt.ï⸗

a) Relativsatz mit ausgedrücktem resumptiven Personalpronomen

𓊪𓅮𓄿 𓏏𓏑𓏔 𓈖𓏏𓏮 𓂋‌𓏙‌𓈖‌𓀀 ‌𓈖𓍿𓈖 𓇓𓅱 (Allen 2010: 238)
pꜣ nt.ï rḏ(j).n⸗j n⸗ṯn sw
dem.nah:m.sg Brot:m.sg rel:m.sg geben:ant=1sg für=2pl 3sg.m
(‘dieses Brot, …, von dem gilt: Ich habe ‘ihn’/es ihnen gegeben’)
‘dieses Brot, …, welches ich ihnen gegeben habe’.
𓈀𓈇𓏤 𓊪𓈖 𓈖𓏏𓏭 𓐞‌𓏤 𓆑𓏭 𓅓 𓈖𓍇‌𓏌‌𓏲𓇋𓇋𓈗 (Allen 2010: 149)
jw pn nt.ï gs(.wï) ⸗f{ï} m nwy
Insel:m.sg dem.nah:m.sg rel:m.sg Seite:m.du =3sg.m in Flutwasser:m.sg
(‘diese Insel, …, von der gilt: ‘Seine’/Ihre Seiten (sind/waren) im Flutwasser.’)
‘diese Insel, …, deren Seiten in den Wasserfluten liegen’.


b) Resumption mit dem deiktischen Adverb 𓇋𓅓 jm ‘dort; darin, davon, damit, …’ (§48)

𓃀𓅱 𓈖𓏏𓏭𓎡 𓇋𓅓 (Allen 2010: 137)
bw nt.ï⸗k jm
Ort:m.sg rel:m.sg=2sg.m dort
(‘der Ort, von dem gilt: Du (bist/warst) dort’)
‘der Ort, an welchem du bist’.


c) Relativsatz mit ausgelassenem resumptiven Pronomen (direkt hinter dem Relativpronomen):


i) Adverbialsatz Periphrastischer Verbalsatz ohne Subjekts-NP
𓂋𓍿𓀀𓁐𓏥𓆎‌𓏏𓊖 𓈖𓏏𓄿‌𓏥 𓇋𓅓 𓎛𓈖𓂝𓆑 (Allen 2010: 135)
r(m).ṯ.(w)-Km.t nt.(ï)w ⸗sn jm ḥnꜥ⸗f
Mensch:m.pl=Schwarzes:f rel-m.pl =3pl dort zusammen_mit=3sg.m
(‘die Menschen Ägyptens, von denen gilt: (Sie) (sind/waren) dort zusammen mit ihm’)
‘die Ägypter, welche dort mit ihm zusammen waren’.
Vgl. den vollständigen Adverbialsatz:
𓇋𓅱 𓋴‌𓈖𓏥 𓇋𓅓 𓎛𓈖𓂝𓆑
jw ⸗sn jm ḥnꜥ⸗f
grund =3pl dort zusammen_mit=3sg.m
Sie (sind/waren) dort mit ihm zusammen.’


ii) Periphrastischer Verbalsatz ohne Subjekts-NP
𓈎𓇋𓋴𓀁 𓎟 𓈖𓏏𓏭 𓂋 𓉐‌𓂋𓏏𓂻 𓅓 𓂋‌𓏤𓋴 (Schenkel 2012: 343)
qjs nb nt.ï ⸗f r pr(j).t m rʾ⸗s
erbrechen:inf(m.sg) jeder:m.sg rel:m.sg =3sg.m zu hervorkommen:inf von Mund:m.sg=3sg.f
(‘jedes Erbrechen, von dem gilt: (Er/es) wird aus ihrem Mund hervorkommen.’)
‘jedes Erbrechen, welches aus ihrem Mund kommen wird.’.
Vgl. den vollständigen Periphrastischen Verbalsatz:
𓇋𓅱 𓆑 𓂋 𓉐‌𓂋𓏏𓂻 𓅓 𓂋‌𓏤𓋴
jw ⸗f r pr(j).t m rʾ⸗s
grund =3sg.m zu hervorkommen:inf von Mund:m.sg=3sg.f
Er/es wird aus ihrem Mund hervorkommen.’


iii) Resultativsatz ohne Subjekts-NP: (entsprechend).


(5) Beispiele mit jwt.ï⸗

𓊹𓏤𓀭 𓊪𓅱 𓂜𓏏‌𓅱 𓏠𓈖𓇋𓂆𓏱 𓈖 𓆑 (Allen 2010: 242)
nṯr pw jwt(.ï) m(j)nj.n ⸗f
Gott:m.sg dem:m.sg rel.neg:m.sg anlanden:ant =3sg.m
(‘dieser Gott, von dem gilt: er kann nicht „anlanden“ (d.h. sterben)’)
‘dieser Gott, welcher nicht sterben kann’.
Vgl. den mit n(j) zu rekonstruierenden negierten Hauptsatz:
𓂜 𓏠𓈖𓇋𓂆𓏱 𓈖 𓆑
n(j) m(j)nj.n ⸗f
neg anlanden:ant =3sg.m
‘er kann nicht sterben’.


𓊹𓂋𓏏𓆗 𓂜𓏏𓏏 𓌢‌𓈖𓀀 𓋴
nṯr.t jwt.(ï)t sn ⸗s
Göttin:f.sg rel.neg:f Bruder:m.sg =3sg.f
(‘die Göttin, von der gilt: nicht (existent) (ist) ihr Bruder’)
‘die Göttin, welche keinen Bruder hat’.
Vgl. den mit nn zu rekonstruierenden negierten Hauptsatz (hier Adjektivalsatz mit Adjektiv nn ‘nicht existent’, vgl. §57):
𓂜𓈖 𓌢‌𓈖𓀀 𓋴
nn sn ⸗s
nicht_existent Bruder:m.sg =3sg.f
(‘Nicht existent (ist) ihr Bruder.’)
→ ‘Sie hat keinen Bruder’.

Literaturhinweise

Allen (²2010: ch. 12.2–9); Schenkel (⁵2012: Kap. 9.1.2).

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


Übungseinheit

Nach diesem Paragraphen können Sie Übung 24: Relativsätze mit Relativpronomen machen.



Zitieren Sie diese Version dieser Seite:

Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§100", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A7100%26oldid=722 (Zugriff: 17.6.2019).

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