§2

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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Schriftsysteme und Transliteration

(1) Schriftarten und -varianten

Vergleichbar mit unserer Handschrift vs. Druckschrift, kann ein und dieselbe Nachricht in verschiedenen Schriftarten geschrieben werden. Im Hieroglyphisch-Ägyptischen des 2. Jahrtausends v.Chr. sind drei Arten zu unterscheiden: die „hieroglyphische“ Schrift, die „kursiv-hieroglyphische“ Schrift und die „hieratische“ Schrift. Diese sind grob mit dem heutigen Unterschied zwischen Buch-Druckschrift, handschriftlicher Druckbuchstabenschrift und Schreibschrift vergleichbar.


Hieroglyphische Schrift Kursiv-hieroglyphische Schrift Hieratische Schrift
Beispiele
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphische Schrift.png
Im standar-
disierenden
Computer-
Schriftsatz:
Werning-Einfuehrung-2015 Schrift-im-standardisierenden-Computerschriftsatz.png
Werning-Einfuehrung-2015 Kursiv-hieroglyphische Schrift.png
Werning-Einfuehrung-2015 Hieratische Schrift.png
Abb. 2 Aus dem Höhlenbuch
im Grab Ramses’ IV.
(KV 2, Annex)
Abb. 3 Aus dem
Totenbuch-Papyrus
des Ani
Abb. 4 Aus der
Erzählung des Sinuhe
(Sinuhe B 6)
Ein charakteristisches Zeichen, anhand dessen man die Schriftart gut identifizieren kann, ist der Henkelkorb:
Werning-Einfuehrung-2015 Henkelkorb hieroglyphisch.png
Werning-Einfuehrung-2015 k-Computerschriftsatz.png
Werning-Einfuehrung-2015 Henkelkorb kursiv-hieroglyphisch.png
Werning-Einfuehrung-2015 Henkelkorb-Hieratisch.png


Hieroglyphe, Hieratisch

Die Ägypter bezeichneten die Hieroglyphen als ‘Gottesworte’ (𓊹𓌃‌𓏛 md(w.w)-nṯr). Die modernen Benennungen gehen hingegen letztendlich auf die Beschreibung der Schriftarten durch griechische Autoren zurück: Hieroglyphen ‘heilige, eingravierte (Schrift)’, hieratisch ‘priesterliche (Schrift)’. Allerdings beobachteten sie die Nutzung zu einer sehr viel späteren Zeit, als der in dieser Einführung behandelten (1. Jt. v.Chr.). Die Bezeichnung der Schreibschrift als ‘priesterliche’ Schrift trifft für die hier behandelte ältere Zeit (2. Jt. v.Chr.) nicht zu.

Kursiv-hieroglyphisches
Original
Hieroglyphische
Transliteration
Die handschriftlichen, oder auch kursiven, Schriften (kursiv-hieroglyphische und hieratische Schrift) können weitgehend verlustfrei in hieroglyphische Zeichenfolgen umgesetzt werden. Diesen weitgehend verlustfreien Umsetzungsprozess bezeichnet man als „Transliteration“. Auch das Ergebnis der Transliteration wird als „Transliteration“ bezeichnet.
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphisches Original Sargtext.png
Werning-Einfuehrung-2015 Transliteration-Sargtext.png
Abb. 5 Aus einem Sargtext (CT IV, 255b–257a T1Be)


Hieratisches Original
Werning-Einfuehrung-2015 Hieratisches Original Ptahhotep.png
Hieroglyphische Transliteration
Werning-Einfuehrung-2015 Transliteration-Ptahhotep.png
Abb. 6 Aus der Lehre des Ptahhotep (Ptahhotep 277–278)


Während die lateinische Schrift immer in Zeilen und von links nach rechts geschrieben wird, werden ägyptische Texte, abhängig von der gewählten Schriftart, auch in anderen Richtungen geschrieben: in Zeilen oder in Spalten, sog. „Kolumnen“, und jeweils zeilen- bzw. kolumnenintern rechts-links-orientiert oder links-rechts-orientiert.


Rechts-links-orientiert (←) Links-rechts-orientiert (→)
Kolumne (↓) Zeile (←) Kolumne (↓) Zeile (→)
Hieratisch
Werning-Einfuehrung-2015 Hieratische-Kolumne.png
Werning-Einfuehrung-2015 Hieratische Zeile.png
Kursiv-hieroglyphisch
Werning-Einfuehrung-2015 Kursiv-hieroglyphische Kolumne.png
Werning-Einfuehrung-2015 Kursiv-hieroglyphische Zeile.png
(nur
ausnahmsweise)
(nur
ausnahmsweise)
Hieroglyphisch
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphische Kolumne nach-rechts schauend.png
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphische Zeile nach rechts schauend.png
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphische Kolumne nach links schauend.png
Werning-Einfuehrung-2015 Hieroglyphische Zeile nach links schauend.png

Die zeilen- bzw. kolumneninterne horizontale Ausrichtung (rechts-links oder umgekehrt) erkennt man an der Orientierung einzelner nicht-symmetrischer Hieroglyphen. Die einfachste Methode ist es, nach menschen- oder tiergestaltigen Zeichen zu suchen. Da wo die Lebewesen hinschauen, ist der Anfang; der Hintern zeigt in Richtung Ende: rechts-links-orientiert Werning-Einfuehrung-2015 A-umgedreht.png, Werning-Einfuehrung-2015 A1-umgedreht.png vs. links-rechts-orientiert 𓀀, 𓄿.

Aus praktischen Gründen werden die Originaltexte in der Lehre und in Publikationen zumeist in Hieroglyphen transliteriert wiedergegeben und quadratweise (dazu unten) in links-rechts-läufige Zeilen umgesetzt. Zeichen, die kein Quadrat füllen (siehe unten), werden dabei mittig angeordnet. Vergleiche folgende in eine links-rechts-orientierte Zeile umgesetzte Transliterationen mit den Originalen oben:


𓎛𓍯𓄿𓄿‌𓏏𓐎𓏦𓇋𓏤𓊹𓀭𓊪𓆑𓉻𓂝𓄿 (vgl. Abb. 2),
𓂞𓎢𓈖𓍇‌𓏌𓅱𓂧𓂻‌𓂋𓀀𓇋𓅓𓆑𓎛𓈖𓂝 (vgl. Abb. 3),
𓈝𓅓‌𓏏𓂻𓅓𓏃𓈖𓏏𓇋𓇋𓏏𓊛𓂜𓎢𓄿𓀀 (vgl. Abb. 4),
𓆓𓌃𓇋𓋴𓆑𓅂𓏦𓇋𓏶𓅓𓅱𓆱𓐍𓏏 (vgl. Abb. 5).


(Der folgende Hinweis kann ggf. zunächst übergangen werden.)

Hinweis: Da im Kursiv-Hieroglyphischen und Hieratischen der Henkelkorb gegenüber der hieroglyphischen Zeichenorientierung (𓎡) gespiegelt ist – der lange Strich stellt laut vorherrschender Meinung den Henkel(!) dar –, hat es sich eingebürgert, den Henkelkorb in hieroglyphischen Transliterationen von original kursiven Schriftarten auch gespiegelt wiederzugeben (𓎢): z.B. 𓅓‌𓂝𓎢 statt 𓅓‌𓂝𓎡. Umgekehrt sieht man daher einer hieroglyphischen Zeichenfolge an, dass es sich nicht um einen original hieroglyphischen Text, sondern um eine hieroglyphische Transliteration aus einer kursiven Schriftart handelt, wenn der Henkelkorb gegenüber seiner normalen Orientierung gespiegelt ist (siehe die Transliterationen oben).


(2) Lokale Lesefolge

Gemessen an der gewählten Zeilenhöhe bzw. Kolumnenbreite hat jedes Zeichen seine prozentuale Standardgröße. Die Zeichen nehmen in erster Näherung den Platz eines vollen, eines dreiviertel, eines halben oder eines viertel Quadrats ein. Optional können Zeichen auf bis zu ²⁄₃ ihrer Standardgröße verkleinert werden und belegen dann Teile eines Neun-Neuntel-Quadrats.

Abdeckung von Teilquadraten
(schwarz: volle Abdeckung, grau: optional Platz für ein kleines Zeichen)

Standardgröße Auf ca. ²⁄₃ verkleinert
a) 𓀀 𓏃
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung a standardgröße.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung a verkleinert.png
b) 𓆓 𓄓
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung b standardgröße.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung b verkleinert.png
c) 𓄿 𓅓 𓅱
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung c standardgröße.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung c verkleinert.png
d) 𓂝 𓂧 𓏥
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung d standardgröße.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung d verkleinert.png
e) 𓇋 𓋴
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung e standardgröße.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung e verkleinert.png
f) 𓎼 𓈎 𓏏 𓏤
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung f standardgröße Alternative.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung f verkleinert.png


Ägyptische Schreiber sind zumeist bestrebt, Hieroglyphen in vollen oder halben Quadraten zu gruppieren. Wenn bei dieser Anordnung Zeichen unter- bzw. übereinander zu stehen kommen, gilt folgende Leseregel: Bei links-rechts-orientierter Schriftrichtung wird zuerst das Zeichen gelesen, das das obere linke Teilquadrat Nr. 1 belegt, dann – wenn von ersterem verschieden – dasjenige, das das Teilquadrat Nr. 2 belegt, usw. Bei rechts-links-orientierter Schriftrichtung liest man, entsprechend gespiegelt, von oben rechts nach links. Vergleiche die folgenden typischen Beispiele:


Links-rechts-orientiert:
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung links-rechts-orientiert 1-4.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung links-rechts-orientiert 1-9.png
𓈖𓆑 : 𓈖𓆑
𓊵𓏏𓊪 : 𓊵𓏏𓊪
𓊪𓏏𓇯 : 𓊪𓏏𓇯
𓊃𓈖𓏥 : 𓊃𓈖𓏥
𓊵𓏏𓊪𓏏 : 𓊵𓏏𓊪𓏏

𓆓𓂧 : 𓆓𓂧
𓅓𓏏 : 𓅓𓏏
𓏏𓅱 : 𓅱𓏏
𓆓𓊃𓆑 : 𓆓𓊃𓆑

Einen Sonderfall bilden kleine Zeichen zwischen den Füßen und der Brust von Vögeln. Diese können sowohl vor als auch hinter dem Vogel gelesen werden. So kann die Zeichenkombination 𓏏𓅱 nicht nur regelkonform 𓅱𓏏 sondern auch 𓏏𓅱 gelesen werden.

Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung Sonderfall a.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung Sonderfall b.png
Sonderfall Vögel:
𓏏𓅱 : alternativ 𓏏𓅱

𓏏𓅱𓏏 : 𓏏𓅱𓏏


Im Falle von Rechts-links-Orientierung sind die Verhältnisse analog spiegelverkehrt.

Rechts-links-orientiert:
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung rechts-links-orientiert 1-4.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung rechts-links-orientiert 1-9.png
text-buttom : 𓊪𓏏𓇯
usw.
text-buttom : 𓊵𓏏𓊪𓏛


Zusätzlich ist zu beachten, dass in (scheinbaren) Quadraten, die sich vertikal in Streifen teilen lassen, alle vertikalen Streifen separat gelesen werden:

Links-rechts-orientiert:
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung links-rechts-orientiert vertikal 1-4.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung links-rechts-orientiert vertikal 1-9.png
𓊪𓏏𓎛: 𓊪𓏏 erst dann 𓎛
𓇋𓅱 : 𓇋𓅱
𓎛𓈎𓏏 : 𓎛𓈎𓏏
𓋴‌𓈖𓃀 : 𓋴𓈖𓃀
𓇋𓇩𓋴 : 𓇋𓇩𓋴
𓎛𓈎𓏛 : 𓎛𓈎𓏛
Rechts-links-orientiert:
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung rechts-links-orientiert vertikal 1-4.png
Werning-Einfuehrung-2015-Anordnung rechts-links-orientiert vertikal 1-9.png
𓎛𓊪𓏏 : 𓊪𓏏 erst dann 𓎛
text-buttom : 𓎛𓈎𓏏
text-buttom : 𓇓𓏏 erst dann 𓆤𓏏
text-buttom : 𓇋𓏠𓈖𓇳𓏤

(3) Kolumnenfolge und retrogrades Textlayout

(Dieser Abschnitt kann ggf. zunächst übergangen werden.)

Eine weitere Unterscheidung betrifft die Anordnung von aufeinander folgenden Kolumnen. Normalerweise ist die Kolumnenfolge entsprechend der kolumneninternen Orientierung gestaltet, d.h. bei kolumneninterner Rechts-links-Orientierung steht die erste Kolumne ganz rechts, die letzte ganz links, und bei kolumneninterner Links-rechts-Orientierung steht die erste Kolumne ganz links, die letzte ganz rechts. Bei einigen Texten ist diese Regel aber invertiert: Während die Leserichtung kolumnenintern z.B. rechts-links-orientiert ist, ist die Kolumnenfolge aber umgekehrt links-rechts-orientiert, d.h. die erste Kolumne steht ganz links. Diese Gegenläufigkeit von kolumneninterner Orientierung und Kolumnenfolge-Orientierung wird traditionell als „retrograde Schreibung“ bezeichnet. Präziser wäre aber von „retrogradem Textlayout“ (D. Werning) zu sprechen.


Korreliertes Textlayout Retrogrades Textlayout
Kolumneninterne Orientierung rechts-links-orientiert (←) rechts-links-orientiert (←)
(←)        (←)        (←) (←)        (←)        (←)
Werning-Einfuehrung-2015 Kolumneninterne Orientierung nach links.png
Werning-Einfuehrung-2015 Kolumneninterne Orientierung nach rechts.png
Kolumnennummer 3    ←    2    ←    1 1    →    2    →    3
Kolumnenfolge-Orientierung rechts-links-orientiert (←) links-rechts-orientiert (→)


Retrogrades Textlayout findet sich insbesondere häufig bei kursiv-hieroglyphisch geschriebenen religiösen Texten wie z.B. Totenbüchern.

Literaturhinweise

Allen (²2010: ch. 1.4, 1.6–1.9); Schenkel (⁵2012: Kap. 1.3, 3.3.1)

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


Übungseinheit

Nach diesem Paragraphen können Sie Übung 1: Lesereihenfolge machen.



Zitieren Sie diese Version dieser Seite:

Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§2", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A72%26oldid=624 (Zugriff: 20.7.2019).

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