§66

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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Zahlen

(1) Begriffsbestimmung

Man unterscheidet „Kardinalzahlen“ (‘eins, zwei, …’) und „Ordinalzahlen“ (‘erster, zweiter, …’). Beide Zahlentypen können lautsprachlich geschrieben werden (vgl. dtsch. „eins“, „zwei“, , bzw. „erster“, „zweiter“, ) oder mit einem logographischen Notationssystem (vgl. dtsch. „1“, „2“, …, bzw. „1.“, „2.“, …).


(2) Formen der Kardinalzahlen und Ordinalzahlen

a) Die Kardinalzahlen
Lautsprachlich Notation
Mask. Fem.
‘eine/r’ wꜥ 𓌡𓂝𓏤 wꜥ.t 𓌡𓂝‌𓏏𓏤 𓏤 1
‘zwei’ sn.w(ï) 𓌢𓏌𓏻 sn.t(ï) 𓌢𓏏𓏮 𓏮 2
‘drei’ ḫmt.w 𓐍𓂸𓏏𓏦 ḫmt.t 𓐍𓂸𓏏𓏏𓏦 𓏦 3
‘vier’ fd.w 𓆑𓂧𓅱𓏻𓏻 fd.t 𓆑𓂧𓏏𓏽 𓏽 4
‘fünf’ dj.w k.B. dj.t k.B. 𓏾 5
‘sechs’ sjs.w k.B. sjs.t k.B. 𓏿 6
‘sieben’ sfḫ.w 𓋴𓆑𓐍𓅱𓐀 sfḫ.t 𓋴𓆑𓐍𓏏𓐀 𓐀 7
‘acht’ ḫmn.w k.B. ḫmn.t k.B. 𓐁 8
‘neun’ psḏ.w 𓊪𓋴𓆓𓐂 psḏ.t 𓊪𓋴𓆓𓇸𓏏𓐂 𓐂 9
‘zehn’ mḏ.w k.B. mḏ.t k.B. 𓎆 10
‘zwanzig’ mḏ.tï k.B. mḏ.t.t k.B. 𓎏 20
‘dreißig’ mꜥbꜣ k.B. mꜥbꜣ.t k.B. 𓎐 30
‘vierzig’ ḥm.w k.B. 𓎉 40
‘fünfzig’ d(j).yw k.B. 𓎊 50
‘sechzig’ sjs.yw k.B. 𓎋 60
‘siebzig’ sfḫ.yw k.B. 𓎌 70
‘achtzig’ ḫmn.yw k.B. 𓎍 80
‘neunzig’ psḏ.yw k.B. 𓎎 90
‘(ein)hundert’ š.t k.B. 𓍢 100
‘zweihundert’ š.tï k.B. 𓍣 200
‘drei hundert’ ḫmt(w)-š.t k.B. 𓍤 300
usw. usw. k.B. usw.
‘(ein)tausend’ ḫꜣ 𓆼 𓆼 1.000
‘zehntausend’ ḏbꜥ 𓂭 𓂭 10.000
‘hunderttausend’ ḥfn 𓆐 𓆐 100.000
‘Million, unzählige’ ḥḥ 𓁨

(Die fett gedruckten Kardinalzahlen lohnt es sich besonders einzuprägen.)

Achtung Verwechselungsgefahr: 𓍢 100 sieht graphisch dem Einkonsonantenzeichen 𓏲 w sehr ähnlich.


Die Kardinalzahlen ‘eins’ und ‘zwei’ verhalten sich wie Adjektive, die Kardinalzahlen ab ‘drei’ verhalten sich besonders, dazu unten.


b) Bildung von Zahlen in Notationsschreibweise

Die einzelnen Notationszeichen werden 1× bis max. 9× wiederholt und vom höchsten zum niedrigsten sortiert. Der Wert ergibt sich durch Addition, z.B. 𓂭𓂭𓆼𓍧𓐂 ‘21.609’. Das Substantiv 𓁨 ḥḥ bedeutet ‘Million, Unzählige’ und bezeichnet weniger einen exakten Wert als vielmehr eine supergroße Anzahl.

Für die Notation von Zahlen über 10.000 gibt es alternativ ein Multiplikationssystem, z.B. 𓆐𓎆𓏻 ‘1.200.000 (= 100.000×12)’.


c) Die Ordinalzahlen
Maskulinum Femininum
𓌐𓊪 , 𓁶𓊪‌𓏭 dp(.ï) ‘erster’ 𓌐𓏏 , 𓁶𓊪𓏏 dp.(ï)t ‘erste’
Endung -.nw Endung -.nw.t
𓌢‌𓈖𓏌‌𓏻 , 𓌢𓏌𓏻 , 𓏻𓏌 sn.nw ‘zweiter’ 𓌢‌𓈖𓏌𓏏𓏻 , 𓏻𓏌𓏏 sn.nw.t ‘zweite’
𓐍𓂸𓏌𓏼 ḫmt.nw ‘dritter’ 𓐍𓂸𓏌𓏏𓏼 ḫmt.nw.t ‘dritte’
𓏽𓏌 fd.nw ‘vierter’ 𓏽𓏌𓏏 fd.nw.t ‘vierte’
usw. usw.
𓐂𓏌 psḏ.nw ‘neunter’ 𓐂𓏌𓏏 psḏ.nw.t ‘neunte’
Mit mḥ + Zahl Mit mḥ.t + Zahl
𓎔𓎆 mḥ 10 ‘zehnter’ 𓎔𓏏𓎆 mḥ.t 10 ‘zehnte’
𓎔𓎏 mḥ 20 ‘hundertster’ 𓎔𓏏𓎇 mḥ.t 20 ‘hundertste’
usw. usw.

(Die fett gedruckten Ordinalzahlen lohnt es sich besonders einzuprägen.)


Ordinalzahlen verhalten sich wie Adjektive.


(3) Konstruktionen der Kardinalzahlen und Ordinalzahlen

a) Gesprochensprachlich

Die Kardinalzahlen wꜥ/wꜥ.t ‘eine(r)’ und sn.wï/sn.tï ‘zwei’ sowie alle Ordinalzahlen verhalten sich wie Adjektive, stehen also hinter dem (nominalen) Gezählten und kongruieren mit dem Gezählten hinsichtlich des Genus, z.B. 𓇋𓇩𓊃𓉐𓉐𓋴𓌢‌𓈖𓏌𓏻 jz.(wï) sn.w(ï) ‘zwei Gräber’ (Urk. I, 147), 𓊃𓊪𓊗𓌐𓊪 zp dp(.ï) ‘das erste Mal (i.e. der erste Sonnenaufgang)’. Vor ‘2’ kann das Gezählte auch im Singular stehen, z.B. 𓊗𓏻 zp 2 ‘zwei Mal’, 𓅮𓄿𓊃𓀀𓏻 pꜣ z(j) 2 ‘diese zwei Männer’.

Die Kardinalzahlen ab ‘drei’ stehen in der gesprochenen(!) Sprache dem Gezählten voran, z.B. fd.w nṯr.(w) ‘vier Götter’ (geschrieben entweder 𓆑𓂧𓅱𓏽𓊹𓏪 oder 𓊹 𓏽). Diese Zahlen sind grammatisch als singularische(!) Kollektiv-Substantive einzustufen (wörtlich etwa wie ‘Dreiheit’, ‘Vierheit’, …). Das Gezählte folgt dem Zahlsubstantiv als Apposition (vgl. §69). Die Zahlen (von ‘drei’) bis ‘zehn’, sowie ‘zwanzig’ und ‘dreißig’ kongruieren dabei hinsichtlich des Genus mit dem Gezählten (vgl. den Fall ky ‘anderer’, §58). Vereinzelt stehen auch Ordinalzahlen dem Gezählten voran und schließen dieses als Apposition oder mit Indirektem Genitiv an, z.B. 𓐃𓏌𓈖𓎳 dj.nw n(.ï) ḥ(ꜣ)b ‘das fünfte Fest’ (vgl. den Fall nꜣ n(.ï) ‘diese’, §31). Die Kardinalzahl ‘1.000’ schließt das Gezählte auch gern mit der Präposition m ‘von’ an: 𓆼𓅓‌𓏏𓏐‌𓏒𓏥 ḫꜣ m tʾ ‘tausend Brote’ (wörtlich etwa ‘eine Tausendschaft von Brot’).

Sowohl die substantivischen Kardinalzahlen, als auch die adjektivischen Kardinal- und Ordinalzahlen können selbständig als Substantive gebraucht werden, z.B. 𓏦𓊪𓈖 ḫmt.w pn ‘diese drei’, 𓎡𓏏𓍢 k(ï).t(ï) š.t ‘andere einhundert’, 𓏻‌𓏌𓏏𓋴 sn.nw.t⸗s ‘ihr zweites’, 𓌡𓂝𓏤𓀀 wꜥ ‘einer’ (substantiviert).


b) Notationsschreibweise

In der Notationsschreibweise stehen jedoch alle Kardinalzahlen, d.h. auch die Kardinalzahlen ab ‘3’, immer hinter dem Gezählten. Gesprochen wurden die Kardinalzahlen ab ‘3’ nichtsdestotrotz immer vor dem Gezählten (vgl. modern geschrieben „$10“ = gesprochen „ten dollars“). Das Gezählte selbst steht in der Notationsschreibweise geschriebensprachlich nur selten im Plural; meist steht es im Singular (– teils vielleicht nur geschriebensprachlich). Gelegentlich werden Gezähltes und Zahl zur Verdeutlichung durch einen mittigen Punkt „“ getrennt.

Notationsschreibweise Gesprochensprachlich
𓃒𓏥𓍧𓎆𓐁 jḥ.(w) 618 *sjs.w-š.t-mḏ.w-ḫmn.w jḥ.w ‘618 Rinder’
𓆳𓏏𓏤𓎇 rnp.t 20 *mḏ.t.t rnp.(w)t ‘20 Jahre’
𓊃𓀀𓂭 z(j) 10.000 *ḏbꜥ zj(.w?) ‘10.000 Männer’
𓎛𓆑‌𓄿𓅱𓆙𓎌𓏾 ḥfꜣw 75 *sfḫ.yw-dj.w ḥfꜣw(.w?) ‘75 Schlangen’
𓏏𓏐‌𓏒𓏥·𓍢 100 *š.t tʾ(.w?) ‘100 Brote’

Die substantivischen Kardinalzahlen ab ‘3’ bilden den Kern der „Numeralphrase“ (NumP). Da diese Zahlsubstantive grammatisch Singulare sind, steht z.B. ein anhängliches Demonstrativpronomen auch im Singular.

Notationsschreibweise Gesprochensprachlich
𓇳𓏥𓊪𓈖 hrw(w) 3 pn *ḫmt.w pn hrww(.w?) ‘diese drei Tage’
𓏏‌𓄿‌𓏏𓏐‌𓏒𓏥·𓍢 tꜣ tʾ 100 *tꜣ š.t tʾ(.w?) ‘diese hundert Brote’
𓅮𓄿‌𓏏𓏐‌𓏒𓏥𓆼 pꜣ tʾ 1000 *pꜣ ḫꜣ (m?) tʾ(.w?) ‘diese tausend Brote’

Mengenangaben, bei denen auch eine Maßeinheit angegeben wird, werden in erweiterter Notationsschreibweise in der Folge [Gezähltes] – [Maßeinheit] – [Zahl] notiert.

Notationsschreibweise Gesprochensprachlich
𓌉𓋞𓈓𓄲𓈖𓈙𓍨𓎋𓏺 ḥḏ dbn 761 *761 dbn(.w?) ḥḏ ‘761 Deben Silber’
(Deben ist ein Gewichtsmaß)
𓎛𓈎𓏏𓏊𓏦𓂧𓊃𓏊𓍢 ḥ(n)q.t ds 100 *š.t ds(.w?) ḥnq.t ‘100 Krüge Bier’

Literaturhinweise

Schenkel (⁵2012: Kap. 5.1.4); Allen (²2010: ch. 9.1–7)

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


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Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§66", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A766%26oldid=688 (Zugriff: 26.6.2019).

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