§78

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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Adverbiale Nebensätze und parataktische Hauptsätze

(1) Fragestellung und Begriffsklärung

Aus der Perspektive des deutschen Übersetzers ist es sinnvoll im Ägyptischen drei Fälle von Sätzen zu unterscheiden:

Satztyp Deutsches Beispiel
a) Hauptsätze, Er bog links ab.
Er bog links ab. Dann fuhr er geradeaus.
b) parataktische Hauptsätze, Er bog links ab, und dann fuhr er geradeaus.
Er bog links ab und ø fuhr dann geradeaus.
(ohne er!)
c) adverbiale Nebensätze, Er bog links ab, bevor er geradeaus fuhr.
Nachdem er links abgebogen war, fuhr er geradeaus.

Als „parataktischen Hauptsatz“ (oder „Sequentialsatz“) wollen wir den zweiten von zwei gleichgeordneten Hauptsätzen bezeichnen (dtsch. mit und verbunden). Als „adverbiale Nebensätze“ sind Nebensätze zu klassifizieren, die eine Begleitumstandsbeschreibung im weiteren Sinne wiedergeben (zum Begriff „adverbial“ vgl. §49). Die adverbialen Nebensätze beschreiben z.B. wann, warum oder unter welchen Umständen die Handlung in dem übergeordneten Hauptsatz passiert. Im Deutschen sind dies meist sog. „konjunktionale Nebensätze“, d.h. Sätze die eine Nebensatz-Konjunktion enthalten, z.B.:

Relationsbedeutung Deutsches Beispiel
a) zirkumstantiell (Umstand) Sie sah aus dem Fenster, wobei sie über den Tag nachdachte.
b) temporal, gleichzeitig Sie sah aus dem Fenster, während sie über den Tag nachdachte.
c) temporal, vorzeitig Sie sah aus dem Fenster, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte.
d) temporal, nachzeitig Sie sah aus dem Fenster, bevor sie das Haus verließ.
e) kausal (Ursache) Sie sah aus dem Fenster, weil sie draußen Lärm hörte.
f) final (Zweck) Sie sah aus dem Fenster, um die Lärmquelle ausfindig zu machen.
g) Konsequenz Sie sah aus dem Fenster, so dass sie sich angemessen anziehen konnte.
h) komparativ (Vergleich) Sie sah aus dem Fenster, so wie eine Maus aus ihrem Mauseloch guckt.
u.a.m.


(2) Konstruktionen und Gebrauch im Ägyptischen

Das Ägyptische unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht substantiell vom Deutschen:

Mittelägyptisch Neuhochdeutsch
(a) Das Mittelägyptische ist tendenziell hauptsatzmarkierend (F. Kammerzell). Das Deutsche ist tendenziell nebensatzmarkierend.
Es markiert parataktische Hauptsätze und adverbiale Nebensätze in der Regel nicht (seltener mit bestimmten Nebensatz-Partikeln wie jsṯ ‘wobei’). Dagegen haben Hauptsätze häufig eine Hauptsatz-Partikel wie z.B. jw, ḥꜣ, ꜥḥꜥ.n oder aber die Partikel m⸗k. Es markiert parataktische Hauptsätze und adverbiale Nebensätze mit „Konjunktionen“ wie und bzw. wobei, während, als, so dass usw. Dagegen haben dtsch. Hauptsätze in der Regel keine Konjunktion (nur selten sog. Hauptsatz-Konjunktionen wie z.B. dann, aber).
Beispiel:
jw mꜣꜣf sï,
njs⸗s (adv. Nebensatz ohne Konj./Partikel)
Beispiel:
Er sah sie,
als sie rief (mit Konjunktion).
Beispiel:
𓇋𓅱𓀀 𓈋𓅱𓇋𓏛‌𓀀 𓈖 𓅡𓏤𓏥𓍿𓈖𓏥 (Hb. 65, 11–12)
jw⸗j ḏwj⸗j n bꜣ.(w)⸗ṯn
ptkl=1sg rufen:ipfv=1sg dat Ba:m.pl=2pl
[keine
Partikel
]
𓊵𓏏𓊪𓏛𓍿𓈖𓏥 𓅓 𓊨𓏏𓉐𓍿𓈖𓏥
ḥtp⸗ṯn m s.(w)t⸗ṯn
ruhen:ipfv=2pl in Platz:f.sg=2pl
‘Ich rufe eure Bas, während/wobei ihr an eurer Stätte ruht.’
(b) Das Tempus ist im Hauptsatz und im parataktischen Hauptsatz absolut; aber im adverbialen Nebensatz ist das Tempus relativ-zeitlich zur Handlung des übergeordneten Hauptsatzes (D. Werning). Das Tempus ist in allen Sätzen absolut, d.h. immer an der Sprechzeit orientiert.
Beispiel:
jw mꜣ.n⸗f sï (Anterior, absolut: Vergangenheit)
njs⸗s (Imperfektiv, relativ: gleichzeitig)
‘Er sah sie, als sie rief.’
Beispiel:
Er sah sie, (Präteritum, absolut: Vergangenheit)
als sie rief (Prät., absolut: Vergangenheit).
jw mꜣ.n⸗f sï (Anterior, absolut: Vergangenheit)
njs.n⸗s (Anterior, relativ: vorzeitig)
‘Er sah sie, nachdem er sie gerufen hatte.’
Er sah sie, (Präteritum, absolut: Vergangenheit)
nachdem sie gerufen hatte (Plusquamperfekt, absolut: Vorvergangenheit).
Beispiel:
𓍲𓈖𓏌‌𓏲𓇋𓇋𓁸𓏥𓀀 𓆓𓂧𓆑𓏛 [keine
Partikel]
𓌴𓁹𓄿𓄿𓀀 𓋴𓏏 (Allen 2010: 288)
šn.{w}y⸗j ḏdf(.w) mꜣꜣ⸗j st
Haare:m.pl=1sg sträuben:res.m.pl sehen:ipfv=1sg es
‘Meine Haare sträubten sich, als/während ich es sah.’
(Imperfektiv, relativ: gleichzeitig zum Hauptsatz)
(c) Im Ägyptischen können adverbiale Nebensätze nur hinter dem Hauptsatz stehen. Im Deutschen können konjunktionale Nebensätze sowohl hinter als auch vor dem Hauptsatz stehen.
Z.B. so mit njs als Imperfektiv unmöglich:
njs⸗s,
jw mꜣꜣ⸗f sï
(Ausnahmen, namentlich Nebensätze nach der Partikel jr und Nominale Verbalformen als initiale Nebensätze, werden in §86 behandelt.)
Beispiel für einen Nebensatz vor Hauptsatz:
Als sie rief,
sah er sie.
(d) Abgesehen von dem Vorhandensein/Fehlen einer Satzpartikel ist die Satzstellung in Haupt- und Nebensätzen gleich.
(Eine Ausnahme bildet das Imperfektiv-Hauptsatzmuster jw z(j) mꜣꜣ⸗f mit „doppelter“ Subjektsstelle (§35). Dieses taucht im Nebensatz nicht auf; siehe Tabelle unten)
Im Deutschen gilt im Hauptsatz die Regel, dass die flektierte Verbform an Zweitstelle steht. Im Nebensatz steht sie hingegen am Schluss.
(e) Im Ägyptischen wird das Subjekt im parataktischen Hauptsatz auch bei Identität der Subjekte bei beiden Sätzen regelmäßig wiederholt. (Einige wenige Handvoll Gegenbelege „bestätigen die Regel“.) Im Deutschen kann das Subjekt im parataktischen Hauptsatz ausgelassen werden, wenn es mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist.
Beispiel:
jw mꜣꜣ⸗f sï,
sḏm⸗f ḫrws.
Beispiel:
Er sah sie
und ___ hörte ihre Stimme.


Folgende Tabelle gibt einen Überblick über die gängigen Satzmuster im Mittelägyptischen:

Hauptsatz Parataktischer Hauptsatz adverbialer Nebensatz
Anterior jw mꜣ.n⸗f sï
‘Er sah sie’
mꜣ.n⸗f sï
und er sah sie’
mꜣ.n⸗f sï
nachdem er sie ges.en hatte/hat/haben wird’
Imperfektiv jw⸗f mꜣꜣ⸗f sï
jw mꜣꜣ⸗f sï

‘Er sieht sie’
mꜣꜣ⸗f sï
und er sieht sie’
mꜣꜣ⸗f sï
wobei er sie sah/sieht/sehen wird’
jw nṯr mꜣꜣ⸗f sï
nṯr mꜣꜣ⸗f sï
jw mꜣꜣ sï nṯr
‘Der Gott sieht sie’
nṯr mꜣꜣ⸗f sï
mꜣꜣ sï nṯr
und der Gott sieht sie’
mꜣꜣ sï nṯr
wobei der Gott sie sah/sieht/sehen wird’
Posterior mꜣꜣ(.w)⸗f sï
‘Er wird sie sehen’
mꜣꜣ(.w)⸗f sï
und er wird sie sehen’
mꜣꜣ(.w)⸗f sï
damit er sie sehen würde/wird/werden wird’
Subjunktiv mꜣ⸗f sï
‘Er soll sie sehen’
‘Er wird sie sehen’
mꜣ⸗f sï
und er soll sie sehen’
und er wird sie sehen’
mꜣ⸗f sï
auf dass er sie sah/sieht/sehen wird’
so dass er sie sah/sieht/sehen wird’
Perfektiv
(selten)
mꜣ⸗f sï
‘Er sah sie’
Resultativ jw nṯr.t jj(j).tj
nṯr.t jj(j).tj
‘Die Göttin ist/war gekommen’
nṯr.t jj(j).tj
und d. G. ist/war gek.en’
nṯr.t jj(j).tj
wobei die Göttin gek.en war/ist/sein wird’
jw⸗s jj(j).tj
‘Sie ist/war gekommen’
jw*)⸗s jj(j).tj
jj(j).tj (alle Personen)
und sie ist/war gekommen’
jw*)⸗s jj(j).tj
jj(j).tj (alle Personen)
wobei sie gekommen war/ist/sein wird’
jj(j).kw (nur 1. Person)
‘Ich bin gekommen’
ꜥnḫ.tj (nur 2.(/3.) Person)
‘Du mögest leben’
Adverbial-
satz
jw nzw m ꜥḥ
nzw m ꜥḥ
‘Der König ist/war im Palast’
nzw m ꜥḥ
und d. K. ist/war im Palast’
nzw m ꜥḥ
wobei der König im Palast war/ist/sein wird’
jw⸗f m ꜥḥ
‘Er ist/war im Palast’
jw*)⸗f m ꜥḥ
und er ist/war im Palast’
jw*)⸗f m ꜥḥ
wobei er im Palast war/ist/sein wird’
Nominal-
satz
rn⸗f Z(j)-nh.t
‘Sein Name ist/war Sinuhe
rn⸗f Z(j)-nh.t
und s. Name war Sinuhe
rn⸗f Z(j)-nh.t
wobei sein Name Sinuhe ist/war/sein wird’
Achtung: Die mit „*)“ markierten jw sind nicht als Hauptsatzpartikel zu analysieren, sondern als bedeutungsleeres Stützelement für das Subjektspronomen („void jw“; siehe unten).


Im Fall von negierten Sätzen sind Haupt- und Nebensätze generell oberflächlich nicht zu unterscheiden:

Hauptsatz parataktischer Hauptsatz adverbialer Nebensatz
Imperfektiv nicht sicher belegt
Anterior n(j) mꜣ.nf sï
‘Er sieht sie nicht’
‘Er kann sie nicht sehen’
(zum Tempus vgl. §46)
(ebenso)
und er sieht sie nicht’
und er kann sie nicht sehen’
(zum Tempus vgl. §46)
(ebenso)
wobei(!) er sie nicht sieht/sah/sehen wird’
wobei(!) er sie nicht sehen kann/konnte
/können wird’ (zum Tempus vgl. §46)
Perfektiv n(j) mꜣf sï
‘Er sah sie nicht’
(ebenso)
und er sah sie nicht’
(?)
Posterior n(j) mꜣꜣ(.w)f sï
‘Er wird sie nicht sehen’
(ebenso)
und er wird sie nicht sehen’
(?)
Subjunktiv nn mꜣf sï
‘Er soll sie nicht sehen’
‘Er wird sie nicht sehen’
(ebenso)
und er soll sie nicht sehen’
und er wird sie nicht sehen’
(ebenso)
auf dass er sie nicht sah/sieht/sehen wird’
so dass er sie nicht sah/sieht/sehen wird’
Resultativ nn sï jj(j).tj
‘Sie ist/war nicht gekommen’
(ebenso)
und sie ist/war nicht gekommen’
(ebenso)
wobei sie nicht gek.en war/ist/sein wird’
Adverbial-
satz
nn sw m ꜥḥ
‘Er ist/war nicht im Palast’
(ebenso)
und er ist/war nicht im Palast’
(ebenso)
wobei er nicht im Palast war/ist/sein wird’
Nominal-
satz
n(j) Rꜥ(w) js pw
‘Das ist/war nicht Re’
(ebenso)
und das ist/war nicht Re’
(ebenso)
wobei er nicht Re ist/war(/sein wird)’


Es ergeben sich folgende praktische Konsequenzen:

(a) Ein Satz mit jw ist in aller Regel ein Hauptsatz. Er kann nur dann ausnahmsweise ein adverbialer Nebensatz sein, wenn jw als unentbehrliche „Stütze“ eines Personalpronomens dient (A. Loprieno 1995: „void jw“), z.B. im Adverbialsatz jw⸗f m pr(w) ‘Er ist/war im Haus; und er ist/war im Haus; wobei er im Haus ist/war/sein wird’ oder im Resultativsatz jw⸗s jj(j).tj ‘Sie ist gekommen; und sie ist/war gekommen; wobei sie gekommen ist/war/sein wird’.


(b) Ein Satz ohne Hauptsatzpartikel kann immer (auch) ein parataktischer Hauptsatz (‘und’) oder ein adverbialer Nebensatz sein (‘wobei’, usw.). In Abhängigkeit von der Verbalform bzw. dem Satztyp eignen sich im adverbialen Nebensatz als Faustregel in erster Näherung für die dtsch. Übersetzung folgende Konjunktionen:

generell (Imperfektiv/Resultativ/nicht-verbal/…) → ‘wobei/indem’;
Anterior (nur nicht-negiert, vgl. §46) → ‘nachdem’;
Subjunktiv → ‘auf dass/so dass’.

In fast allen Fällen kann der Kontext alternativ eine der Konjunktionen ‘weil’ oder ‘obwohl’ nahe legen.


(c) Ein einfaches Anterior sḏm.n(⸗f) direkt am Satzanfang kann nur als sequentieller Hauptsatz (‘und’) oder als adverbialer Nebensatz (vorzeitig: ‘nachdem’) übersetzt werden.


(d) Ein einfacher Imperfektiv sḏm(⸗f) direkt am Satzanfang kann nur als sequentieller Hauptsatz (‘und’) oder als adverbialer Nebensatz (gleichzeitig: ‘wobei/indem/während’) übersetzt werden.

Literaturhinweise

Werning (2011, I: §§145, 148, 175; Kap. IV.B); Schenkel (⁵2012: Kap. 4.3.9, 4.6, 6.2.3, 6.4.6, 8.2.2); Allen (²2010: ch. 12.15–18, 17.12,19, 18.11,15, 19.8, 20.10,15, 21.6).

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


Zitieren Sie diese Version dieser Seite:

Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§78", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A778%26oldid=700 (Zugriff: 23.10.2019).

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