§30

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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Demonstrativpronomen

Demonstrativpronomina sind kleine Wörter oder Morpheme, die betont auf Dinge oder Personen verweisen (lat. demonstrare ‘zeigen’, griech. deiknumi = δείκνυμι, ‘zeigen’), z.B. dtsch. dieser, diese, …, jener, jene, ….

Demonstrativpronomina I: Hauptreihen

(1) Formen und Grundbedeutung

Das ältere Ägyptisch besitzt mehrere Reihen von Demonstrativpronomina. Die drei wichtigsten sind die n-Reihe, die f-Reihe und die w-Reihe. Die n-Reihe entspricht dem Nah-Verweis (‘dieses, dieses hier’) die f-Reihe entspricht dem Fern-Verweis (‘jenes, dieses da’), die w-Reihe entspricht einem nah/fern-unmarkierten Verweis (‘dieses, jenes’).

Die Demonstrativpronomina flektieren nach Numerus und Genus. Die drei Hauptreihen haben folgende Formen und Schreibungen:

Mask.Sg.
(p…)
Fem.Sg.
(t…)
Unbestimmt
(n…)
Plural
(n… n.ï)
n-Reihe (nah)
‘dieser, dieser hier
𓊪𓈖
pn
‘dieser (hier)’
𓏏𓈖
tn
‘diese (hier)’
𓇒𓈖, 𓇒
nn
‘dieses (hier)’
𓇒𓈖𓈖, 𓇒‌𓈖
nn n(.ï)
‘diese (hier)’
f-Reihe (fern)
‘jener, dieser da
𓊪𓆑
pf
‘jener’
𓏏𓆑
tf
‘jene’
𓈖𓆑
nf
‘jenes
𓈖𓆑𓈖
nf n(.ï)
‘jene’
w-Reihe (neutral)
‘dieser, jener’
𓊪𓅱
pw
‘dieser’
𓏏𓅱
tw
‘diese’
𓈖𓍇𓏌𓅱
nw
‘dieses
𓈖𓍇𓏌𓅱𓈖
nw n(.ï)
‘diese’

Hinweis: Bei der Übersetzung ist zu beachten, dass das dtsch. Demonstrativpronomen dieser in der Tat auch ein neutrales Demonstrativpronomen ist. Erst die Hinzufügung von hier macht eindeutig die Nähe klar. Nichtsdestotrotz lässt man das hier in einer deutschen Übersetzung meist weg.


(2) „Vokativischer“ Gebrauch

Die Demonstrativpronomina, insbesondere, aber nicht aussschließlich diejenigen der w-Reihe, werden auch in einer Weise verwendet, die im Deutschen angemessen mit einem normalen Personalpronomen in einem Ausruf zu übersetzen ist, z.B.

𓊹𓏤𓊪𓅱
nṯr pw
Gott:m.sg dem:m.sg
neben ‘dieser Gott’
auch ‘du Gott!’.

Man spricht dann auch von einem „vokativischen“ Gebrauch (lat. vocare ‘rufen’).


(3) Konstruktionen

i) Die singularischen Demonstrativpronomina (d.h. pn/tn, pf/tf, pw/tw) werden nicht alleine verwendet, sondern stehen immer hinter einem Substantiv, das sie näher bestimmen. Ihre Form richtet sich nach dem Genus und Numerus dieses Substantivs, d.h. es „kongruiert“ mit diesem.

Beispiel:
𓊹𓂋𓏏𓁐 𓏏𓈖
nṯr.t tn
Göttin:f.sg dem.nah:f.sg (Kongruenz: beide f.sg)
‘diese Göttin’

Vergleiche:

Kongruenz (!)
Nah: m.sg 𓊹𓏤 𓊪𓈖 nṯr pn dieser Gott (hier)’; (‘du Gott!’)
f.sg 𓊹𓂋𓏏 𓏏𓈖 nṯr.t tn diese Göttin (hier)’; (‘du Göttin!’)
Fern: m.sg 𓊹𓏤 𓊪𓆑 nṯr pf jener Gott, dieser Gott da’
f.sg 𓊹𓂋𓏏 𓏏𓆑 nṯr.t tf jene Göttin, diese Göttin da’
Neutral: m.sg 𓊹𓏤 𓊪𓅱 nṯr pw dieser Gott, jener Gott’; ‘du Gott!
f.sg 𓊹𓂋𓏏 𓏏𓅱 nṯr.t tw diese Göttin, jene Göttin’; ‘du Göttin!


ii) Die mit n… beginnenden Demonstrativpronomina (d.h. nn, nf, nw) kommen in zwei verschiedenen Verwendungsweisen vor, die völlig verschiedene Bedeutungen hervorrufen:

a) Meist stehen sie vor einem Substantiv, das sie näher bestimmen. Dabei tritt zwischen Demonstrativpronomen und Substantiv noch das „genitivische“ n(.ï). Obwohl das Demonstrativpronomen und n(.ï) beide selbst keine Plural-Formen sind, ist die Gesamtbedeutung der Konstruktion dann pluralisch. Das Substantiv steht daher in der Regel (aber nicht zwingender Weise) auch im Plural.

Nah: 𓇒 𓈖 𓊹𓊹𓊹 nn n(.ï) nṯr.w diese Götter (hier)’; ‘ihr Götter!
𓇒 𓈖 𓊹𓂋𓏏𓏦 nn n(.ï) nṯr.(w)t diese Göttinnen (hier)’; ‘ihr Göttinnen!
Fern: 𓈖𓆑 𓈖 𓊹𓊹𓊹 nf n(.ï) nṯr.w jene Götter, diese Götter da’
𓈖𓆑 𓈖 𓊹𓂋𓏏𓏦 nf n(.ï) nṯr.(w)t jene Göttinnen, diese Göttinnen da’
Neutral: 𓈖𓍇𓏌𓅱 𓈖 𓊹𓊹𓊹 nw n(.ï) nṯr.w diese Götter, jene Götter’; ‘ihr Götter!’
𓈖𓍇𓏌𓅱 𓈖 𓊹𓂋𓏏𓏦 nw n(.ï) nṯr.(w)t diese Göttinnen, jene G.; ‘ihr Göttinnen!’


Im späteren Mittelägyptisch kann das dem Demonstrativum folgende Substantiv auch im Singular stehen und/oder das n(.ï) kann ausgelassen sein, z.B.:

𓇑𓇑𓈖𓊹𓂋𓏏 nn n(.ï) nṯr.t ‘diese Göttinnen (hier)’; ‘ihr Göttinnen!’
𓇑𓇑𓊹𓊹𓊹 nn nṯr.w ‘diese Götter (hier)’; ‘ihr Götter!’

Es ist wichtig, die Konstruktion als Ganzes genommen zu übersetzen. Eine Übersetzung der Einzelteile (z.B. von nn n(.ï) nṯr.(w) als **„dieses von Göttern“) führt nicht zur korrekten Bedeutung.

b) Vergleichsweise seltener stehen nn, nf oder nw ganz allein. Die Bedeutung ist dann die eines unbestimmten/neutralen „kollektivischen“ Demonstrativpronomens.

Nah: 𓇒 nn dieses (hier)’
Fern: 𓈖𓆑 nf jenes, dieses da’
Neutral: 𓈖𓍇𓏌𓅱 nw dieses, jenes’.

Grammatisch handelt es sich dabei um ein Wort im Maskulinum Singular. Vgl. auch die unter a) besprochene Verwendung, wo das n(.ï) immer in der Form m.sg erscheint.


(4) Demonstrativpronomina in „Genitiv“-Konstruktionen

Die singularischen Demonstrativpronomina stehen erwartbarer Weise direkt hinter dem Substantiv, das sie näher bestimmen, d.h. auch noch vor ggf. vorhandenen „Indirekten Genitiv“-Attributen.

𓉗𓏏𓉐 𓏏𓈖 𓈖𓏏 𓇋𓏠𓈖𓀭
ḥw.t tn n.(ï)t Jmn(.w)
Haus:f.sg dem.nah:f.sg von:f.sg Amun:m.sg
‘dieses Tempelhaus des Amun’

Eine „Direkte Genitiv“-Konstruktion kann hingegen niemals aufgebrochen werden. Die Demonstrativpronomina stehen daher immer hinter der „Direkten Genitiv“-Verbindung, selbst wenn sie sich auf das erste der beiden Substantive beziehen. Vergleiche:

𓈞𓏏𓁐𓏟𓀀 𓏏𓆑 𓄋𓏏𓏤𓈋𓏤 𓊪𓆑 (Allen 2010: 281)
ḥ(j)m.t-zẖꜣ(.w) tf wp.t-ḏw pf
Gattin:f.sg=Schreiber:m.sg dem.fern:f.sg Scheitel:f.sg=Berg:m.sg dem.fern:m.sg
‘jene Gattin des Schreibers’ ‘der Gipfel jenes Berges’
𓊹𓉗𓏏𓉐 𓏏𓈖 𓈖𓏏 𓇋𓏠𓈖𓀭
ḥw.t-nṯr tn n.(ï)t Jmn(.w)
Haus:f.sg=Gott:m.sg dem.nah:f.sg von:f.sg Amun:m.sg
‘dieses Gotteshaus des Amun’

Literaturhinweise

Allen (²2010: Kap. 5.8–10); Schenkel (⁵2012: Kap. 5.1.3), Jenni (2009)

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


Zitieren Sie diese Version dieser Seite:

Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§30", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A730%26oldid=652 (Zugriff: 19.7.2019).

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