§101

Aus Hieroglyphisch-Ägyptische Grammatik

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„Relativformen“: Relativsätze in Verbalform

(1) Begriffsklärung

Das Ägyptische verfügt über spezielle relativische Verbalformen, sog. „Relativformen“, die funktional vergleichbar sind mit Relativsätzen aus nt.ï + Verbalform. Strukturell gehören sie zu den Suffixkonjugationsformen. Subjekt und Objekte der Relativform werden genauso angeschlossen wie bei „normalen“, prädikativen Verbalformen.

Es gibt zwei Relativformen, die häufig genutzt werden:

i) die „Anteriore Relativform“ (Abk. „AntRel“) 𓁹𓈖 jr(j).n(⸗f) ‘welchen (er) gemacht hat’,
ii) die „Imperfektive Relativform“ (Abk. „IpfvRel“) 𓁹𓂋 jrr(⸗f) ‘welchen (er) macht’.
Hinzu kommt, nur noch selten genutzt:
iii) die „Neutrale Relativform“ (Abk. „NeutrRel“) 𓁹𓇋𓇋 jr(y)(⸗f) ‘welchen (er) macht/machte/machen wird’.


(2) Formen

Die Relativformen bilden jeweils maskuline und feminine Formen. Ob bzw. wann es noch separate Plural-Formen gegeben hat, ist nicht ganz klar.

Die Formen der Imperfektiven Relativform und der Neutralen Relativform entsprechen den Formen der entsprechenden passiven Partizipien (§95 (2)). Die Anteriore Relativform entspricht der Anterioren Nominalform, bildet aber zusätzlich eine feminine Form, in der das Feminin-Morphem .t am Stammende noch vor dem n-Suffix steht (Mask. jr(j).n, Fem. jr(j).t.n). Meist steht das .t auch noch vor dem Klassifikator des Verbs.

Die Stämme entsprechen also den Wörterbuch-Nennformen mit folgenden Ausnahmen:

  • Imperfektive Relativform: Bei Verben ultimae infirmae ist der vorletzte Konsonant verdoppelt (Teilreduplikation): z.B. mr(j) ‘lieben’ → IpfvRel-Stamm mrr-.
  • Anteriore Relativform: Bei Verben ultimae geminatae erscheint im Femininum der Zwillingskonsonant nur einmal geschrieben: z.B. mꜣꜣ ‘sehen’ → AntRel-Form im Femininum mꜣ.t.n.
  • Neutrale Relativform: Bei Verben ultimae infirmae ist der schwache Konsonant (j) optional als 𓇋𓇋 y geschrieben: z.B. mr(j) ‘lieben’ → NeutrRel-Stamm mry-/mr(y)-.


Stark IIae geminatae IIIae infirmae rḏ(j) jw(j)/jj(j)
Stamm der Anterioren Relativform sḏm.n / jr(j).n bzw. sḏm.t.n / jr(j).t.n
Maskulinum
𓄔𓅓𓈖 𓄿𓅓𓅓𓂬𓈖 𓁹𓈖 𓂋𓂞𓈖 ~ 𓂞𓈖 𓇍𓇋𓂻𓈖 ~ 𓂻𓅱𓈖
sḏm.n ꜣmm.n jr(j).n rḏ(j).n ~ ḏ(j).n jj(j).n ~ jw(j).n
𓌴𓁹𓄿𓄿𓈖 ~ 𓌴𓁹𓄿𓈖
mꜣꜣ.n ~ mꜣ(n).n
Femininum
𓄔𓅓‌𓏏𓈖 𓄿𓅓‌𓏏𓂬𓈖 𓁹𓏏‌𓈖 𓂋𓂞‌𓏏𓈖 ~ 𓂞‌𓏏𓈖 𓇍𓇋𓏏𓂻𓈖 ~ 𓂻𓅱‌𓏏𓈖
sḏm.t.n m.t.n jr(j).t.n rḏ(j).tn ~ ḏ(j).t.n jj(j).t.n ~ jw(j).t
(Vgl. den Stamm der Ant. Nominalform sḏm.n / jr(j).n.)
Stamm der Imperfektiven Relativform (IpfvRel) sḏm- / jrr-
𓄔𓅓 𓄿𓅓𓅓𓂬 𓁹𓂋 𓂞𓂞 𓂻𓅱𓅱
sḏm ꜣmm jrr (redupliziert) (redupliziert) jww
(Vgl. die Stämme des Distributiven Partizips Passiv sḏm- / jrr- und der Imperf. Nominalform sḏm/jrr.)
Stamm der Neutralen Relativform (NeutrRel) sḏm- / jr(y)- (umstritten; s. Anmerkung oben)
𓄔𓅓 𓄿𓅓𓅓𓂬 𓁹𓇋𓇋 ~ 𓁹 𓂋𓂞 ~ 𓂞 𓇍𓇋𓂻
sḏm ꜣmm jry ~ jr(y) rḏ(y) ~ (y) jj(j)
(Vgl. die Stämme des Neutr. Partizips Passiv sḏm- / jr(y)- und der Neutr. Nominalform sḏm / jr(y).)

Inklusive der Genus/Numerus-Endungen sehen die Formen beispielsweise im Falle von jr(j) ‘tun’ wie folgt aus:

Anteriore Relativform Imperfektive Relativform Neutrale Relativform
m.sg 𓁹𓈖 𓁹𓂋𓅱, vor ⸗j auch 𓁹𓂋𓇋𓇋 𓁹𓇋𓇋, 𓁹
jr(j).n jrr.w, vor ⸗j auch jrr.y jry, jr(y)
m.pl 𓁹𓈖, (𓁹𓏥𓈖) 𓁹𓂋𓅱 𓁹𓇋𓇋, 𓁹𓅱
*jr(j.w).n *jrr.w(w) *jry(.w), jr(j).w
f 𓁹𓏏𓈖 𓁹𓂋‌𓏏 𓁹𓇋𓇋𓏏, 𓁹𓏏
jr(j).t.n jrr.t jry.t, jr(y).t

Sonderfall: Das auslautende -.w bei der Imperfektiven Relativform wird bei Antritt eines Subjektssuffixpronomens ⸗j im Regelfall assimiliert, d.h. in -.y umgelautet: -.w⸗j > -.y⸗j.

Beispiele:
𓍹𓄊𓁦𓇳 𓍉𓈖𓇳𓍺 Wsr-mꜣꜥ.t-Rꜥ(w)
stp.n Rꜥ(w)
AntRel:m.sg Usermaatre,
den Re erwählt hat’
𓆄𓅱 𓄟𓋴𓈖 𓏌𓏏𓇯 Šw ms(j).n Nw.t AntRel:m.sg ‘Schu, den Nut geboren hat’
𓏏𓆑𓈖𓏏 𓄟𓋴𓏏𓈖 𓏌𓏏𓇯 Tfn.t ms(j).t.n Nw.t AntRel:f ‘Tefnut, die Nut(Subjekt) geboren hat’
𓆄𓅱 𓁹𓈖 𓅬 Šw jr(j).n Gb(b) AntRel:m.sg ‘Schu, den Geb gezeugt hat’
𓏏𓆑𓈖𓏏 𓁹𓏏𓈖 𓅬 Tfn.t jr(j).t.n Gb(b) AntRel:f ‘Tefnut, die Geb(Subjekt) gezeugt hat’
𓆄𓅱 𓁹𓈖 𓏌𓏏𓇯 Šw jr(j).n Nw.t AntRel:m.sg ‘Schu, den Nut geboren(sic!) (wrtl. gemacht) hat’
𓊹𓏤 𓊃𓅭𓄿𓄿𓅱𓀸𓋴‌𓈖𓏥 nṯr zꜣꜣ.w⸗sn IpfvRel:m.sg ‘den Gott, den sie hüten’
𓊹𓏤 𓊃𓅭𓄿𓄿𓇋𓇋𓀸𓀀 nṯr zꜣꜣ.y⸗j IpfvRel:m.sg ‘den Gott, den ich hüte’
𓎗𓅱‌𓏏𓆑 wḏ.t⸗f NeutrRel-f ‘(das), was er angeordnet hat’
𓇓‌𓏏𓊵𓏙 (= *𓊵𓏙𓇓‌𓏏𓈖) ḥtp ḏ(y) (n)zw NeutrRel:m.sg ‘ein Opfer, das der König gibt(/gab)’
→ ‘ein Königliches Opfer’

Diskussion:
Die Identifizierung von Vorkommen und Natur der Neutralen Relativform, alias „Clère’sche Relativform“, ist im Einzelfall nicht alternativlos, die Ordnung der möglichen Belege für die Form in der Tat strittig. So setzt W. Schenkel (2010) die Form morphologisch als jr(j).w(⸗f) an und rechnet daneben mit einer weiteren, posterioren(!) Relativform jr(y)(⸗f). Wir gehen hier aber systematisch von der Formidentität von der betreffenden Relativform und dem Neutralen Passiven Partizip aus und setzen diese daher als Neutrale Relativform jr(y)(⸗f) an.

(3) Bedeutung der Relativformen

Die Anteriore Relativform bezeichnet Handlungen in der Vergangenheit. Die Imperfektive Relativform bezeichnet im Regelfall Handlungen in der Gegenwart oder generelle/regelmäßige Handlungen („imperfektiv“; §79), selten aber wohl auch noch quasi „pluralische“ Handlungen („distributiv“, §95 (5)). Die Neutrale Relativform hat keine vergleichbar besondere Bedeutung; oft ist sie aber als Vergangenheitsaussage zu übersetzen.


(4) Konstruktionen und Gebrauch

Die Relativformen verhalten sich ähnlich wie Relativsätze mit dem Relativpronomen nt.ï. Auch sie stehen erwartungsgemäß hinter dem Bezugsnomen. Sie kongruieren dabei mit dem Beziehungswort in Genus und Numerus.

In wohl den meisten Fällen hat eine Relativform eine Bedeutung, welche sich um das Objekt der Relativform dreht, das in diesen Fällen dann gerade zu „fehlen“ scheint, z.B.:

𓊤𓂋𓅱𓀁𓄔𓅓𓈖𓆑 ḫrw sḏm.n⸗f ‘das Geräusch, welches(objekt) er gehört hat’ (AntRel),
𓌃𓂧𓏏𓀁𓄔𓅓𓏏‌𓈖𓆑 md(w).t sḏm.t.n⸗f ‘die Angelegenheit, welche(objekt) er gehört hat’ (AntRel),
𓊤𓂋𓅱𓀁𓄔𓅓𓅱𓆑 ḫrw sḏm.w⸗f ‘das Geräusch, welches(objekt) er hört’ (IpfvRel).
Zu diesem vergleichsweise häufigen Gebrauch siehe die Beispiele unten unter c).

Allgemein lässt sich die Bedeutung des Relativsatzes mit Relativform ähnlich wie im Falle der Relativsätze mit Relativpronomen nt.ï ermitteln (vgl. §100. Im Relativsatz gibt es im Normalfall ein weiteres Personalpronomen, das sowohl mit dem Bezugsnomen als auch mit der Relativform kongruiert: das sog. „resumptive Element“. Dieses Element ist quasi der Angelpunkt, um den sich der Relativsatz inhaltlich dreht. Um einen Relativsatz mit Relativform intuitiv richtig zu verstehen, sollte man wie folgt vorgehen:

1) Vor der Relativform fügt man je nach Genus und Numerus der Relativform zunächst ein ‘von dem/der/denen gilt:’ ein und übersetzt die Relativform-Phrase dann so wie einen normalen Hauptsatz.
2) Man überlegt, welches Element im Relativsatz das passende resumptive Element ist. Dieses muss in Genus und Numerus mit der Relativform und dem Beziehungswort übereinstimmen.
Sonderfall: Häufig scheint dem Relativsatz ein passendes resumptives Element zu fehlen. Gleichzeitig fehlt der Relativform ein Objekt. In diesen Fällen ist gedanklich ein entsprechendes Objektspersonalpronomen einzusetzen.
3) Man formuliert den Satz in einen adäquaten dtsch. Relativsatz um.

Beispiele:

a) Relativsatz mit ausgedrücktem resumptiven Personalpronomen

𓌉𓆓𓏏𓇳 𓉻𓏏𓏛 𓎛𓂝𓂝𓏏𓀠𓏛 𓇷𓏏𓊹𓊹𓊹𓀭𓏥 𓅓 𓄤𓏤𓏦 𓋴 (Allen 2010: 360)
ḥḏ.t ꜥꜣ.t ḥꜥꜥ.t psḏ.t m nfr.(w) ⸗s
hell-f groß-f sich_freuen:rel.distr-f Neunheit:f:sg von Vollkommenheit:m.abstr 3sg.f
(‘die große Helle, von der gilt: Die Neunheit erfreut sich an ihrer Vollkommenheit’)
‘die große Weiße (Krone), an deren Vollkommenheit sich das Pantheon erfreut’.


b) Resumption mit dem deiktischen Adverb 𓇋𓅓 jm ‘dort; darin, davon, damit, …’ (§48)

𓐍𓏏𓏛 𓎟𓏏 𓄤𓂋𓏏 𓃂𓏏 𓋹𓈖𓐍𓏏 𓊹 𓇋𓅓 (vgl. Allen 2010: 365)
(j)ḫ.t nb.t nfr.t wꜥb.t ꜥnḫ.t nṯr jm
Sache:f.sg jegliche-f vollkommen-f rein-f leben:rel.distr-f Gott:m.sg davon
(‘eine jede vollkommene, reine Sache, von der gilt: Ein Gott lebt davon’)
‘eine jede gute, reine Sache, von welcher ein Gott lebt’.

c) Relativsatz mit ausgelassenem resumptiven Objektspronomen (häufigster Fall):

𓌃𓂧‌𓅱𓏛𓈓 𓆓𓂧𓅱 𓈖𓊃𓈖𓈓 𓊹𓏤 𓊪𓈖 (Allen 2010: 357)
mdw.(w) ḏd.w(w) n⸗sn sn nṯr pn
Wort:m.pl sagen:rel.distr:m-pl für=3pl 3pl Gott:m.sg dem:nah:m.sg
(‘die Worte, von denen gilt: Dieser Gott sagt sie zu ihnen’)
‘die Worte, welche dieser Gott zu ihnen sagt’.

Die Relativformen können auch ohne vorausgehendes Substantiv, d.h. „substantiviert“, genutzt werden.

Beispiel:

𓏇𓇋 𓌴𓁹𓄿‌𓏏𓈖 𓍛𓀭 𓅓 𓏟𓏛𓏥𓆑 (Allen 2010: 358)
mj mꜣ.t.n st ḥm⸗j m zẖꜣ.(w)⸗f
wie [das:f] sehen:rel:ant:f 3sg.f Diener:m.sg=1sg in Schrift:m.koll=3sg.m
(‘wie das, von dem gilt: Meine Majestät hat es in seiner Schrift gesehen.’)
‘wie das, was Meine Majestät in seiner Schrift gesehen hat.’.


(5) Negation

Wie viele substantivische und andere adjektivische Verbalformen, werden die Relativformen negiert, indem man die Relativformen des Negationsverbs 𓏏𓍃 / 𓏏𓍃𓂜 tm ‘nicht (sein/tun)’ bildet und das eigentlich zu negierende Verb in der Form des Negativkomplements (§77) daran hängt, z.B. tm⸗f gm(j.w) ‘den er nicht gefunden hat’.

Zusammenfassend werden also mit tm negiert: die adjektivischen Verbalformen, insb. Partizipien (§95) und Relativformen, die substantivischen Verbalformen, insb. Nominale Verbalformen (§83), Infinitiv (§92), der Subjunktiv (nur im Nebensatz; erwähnt in §84), sowie die konsekutiven Verbalformen (§89).

Literaturhinweise

Allen (²2010: ch. 24); Schenkel (⁵2012: Kap. 7.5.2–4).

Siehe Bibliographie (teilweise mit Links zu online verfügbaren Werken).


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Daniel A. Werning. 26.7.2018. "§101", Digitale Einführung in die hieroglyphisch-ägyptische Schrift und Sprache, Humboldt-Universität zu Berlin, http://hdl.handle.net/21.11101/0000-0007-C9C9-4?urlappend=index.php?title=%C2%A7101%26oldid=723 (Zugriff: 23.7.2019).

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